Schweizerischer Eisenbahn-Amateur-Klub Zürich SEAK

Die Vereinigung der Eisenbahnfreunde

 
 

Der SEAK vor bald 30 Jahren aus wissenschaftlicher Perspektive


 

Wolfgang A. Baumgartner, Präsident SEAK

 

Im Wintersemester 1979/80 wurde der SEAK das Thema einer Seminararbeit des volkskundlichen Seminars der Universität Zürich. Da der SEAK damals beinahe seine maximale Grösse erreicht hatte, ist die historische Momentaufnahme interessant und könnte zum Schwärmen über die gute alte Zeit führen... 

Verfasserin der Arbeit ist die Studentin Gertrud Wyrsch-Ineichen, die sich später um die Aufnahme im SEAK bewarb und heute noch Mitglied ist. Wie kam der SEAK zur Ehre wissenschaftliches Untersuchungsobjekt zu werden? Frau Wyrsch selektionierte einige Vereine in der Stadt Zürich und schrieb schlussendlich drei an. Ein Pilzkundeverein und ein Philatelistenverein antworten nicht, wohl aber der SEAK. Präsident Klingelfuss nahm sich Zeit für die Studentin, antwortete auf ihre Fragen, stellte ihr Material zur Verfügung und lud sie ein, sich etwas im Klub herum zu sehen. 

Einleitend untersucht Frau Wyrsch die Statuten um eine Antwort zum Zweck und Ziel des Vereins zu erhalten. Überrascht war sie von der Breite des Zweckartikels. Unter einem Eisenbahn-Amateur-Klub stellte sie sich – wie wohl die meisten Zeitgenossen – eher ein kleines Grüppchen fleissiger Bastler vor, das in einem Keller mit riesigem Eifer eine Modelleisenbahn aufstellt und dann mit "kindlicher Freude die Züge rollen lässt... Mit der Förderung der Eisenbahn in all ihren Erscheinungsformen wendet sich der SEAK an einen viel breiteren Interessenkreis.

Im nächsten Abschnitt untersucht Frau Wyrsch alle Aspekte der Mitgliedschaft und der Mitglieder. Der Verein zählte damals 633 Mitglieder. Es gab 40 Auslandsmitglieder, 7 Ehrenmitglieder, 129 Veteranen, 67 Fernmitglieder, 1 Kollektivmitglied und Aktivmitglieder. Von den 592 betrachteten Mitgliedern waren die häufigsten Berufsgruppen: 60 Mechaniker und Schlosser, 57 Ingenieure, 49 Kaufmänn. Angestellte, 37 Kaufleute, 31 SBB-Beamte, 21 Schüler und Studenten und 18 SBB-Angestellte. Es fällt auf, dass damals der Nachwuchs in Form von Schülern/Studenten statistisch noch bedeutend war und es damals noch so feine Unterschiede wie SBB-Beamte und SBB-Angestellte gab. Nach der sozialen Schicht geordnet gehörten 2.7 % zur Unterschicht, 11 % zur oberen Unterschicht, 48 % zur unteren Mittelschicht, 17.6 % zur mittleren Mittelschicht, 15.5 % zur oberen Mittelschicht, 1.7 % zur Oberschicht und 3.6 % zur Schicht der Lehrlinge, Schüler und Studenten. Von 10 Vereinsmitgliedern waren 7 Zürcher, 4 aus der Stadt und 3 aus dem übrigen Kantonsgebiet. Die auswärtigen waren sozial etwas besser gestellt. Gesamthaft erscheint der Verein von der Sozialstruktur her ausgeglichen. Die Hälfte der Mitglieder sind Berufsleute (Schicht III), 2/3 gehören den beiden mittleren Schichten (III und IV) und die Extreme (Schicht I und VI) sind schwach vertreten.

Das Durchschnittsalter war 49 Jahre, etwa 90 Mitglieder sind pensioniert. Das jüngste Mitglied zählt 17 Jahre, das Älteste 86 Jahre. Der Durchschnitts-Eisenbahnamateur war seit 16 Jahren beim SEAK. 70 Mitglieder sind vor dem 20. Altersjahr, 39 nach dem 50. Altersjahr beigetreten. Mehr als die Hälfte der eintretenden Mitglieder werden nach 25 Jahre zum Veteranen ernannt. Nur vier Mitglieder sind weiblichen Geschlechts.

Im folgenden Abschnitt ging es um die Veranstaltungen und Aktivitäten. Grossen Eindruck auf die Studentin machte die Eröffnung der Versammlungen. Pünktlich eröffnete der Präsident mit einer "Signalpfeife, wie sei die Kondukteure benutzen" die Monatsversammlung. Ausführlich beschäftigt sich die Arbeit mit dem breiten Themen-Spektrum der verschieden Anlässe. An der GV nahmen gut 80 Personen teil, an den Monatsversammlung zwischen 40 und 60, bei den Exkursionen zwischen 30 und 150, am Modellbauhock eine sich "wenig ändernde" Runde von 15 bis 20 Mitglieder. Damals war ein Hinweis in den Anmeldeunterlagen, dass man gerne im SEAK etwas schnuppern könne, bevor man sich zum Eintritt entschloss. Davon erhoffte man sich, dass nur ernsthafte Interessenten eintraten. Und in der Tat: nur drei Mitglieder traten aus, weitere drei mussten wegen Zahlungsrückständen ausgeschlossen werden. Etwa 2/3 der Eintretenden gab an sich für Grosstraktion als auch für Modellbau zu interessieren. 

Ein weiteres Kapitel widmete sich speziell der Integrationsfunktion des Vereins. Einleitend wird wieder der Präsident zitiert: "Bemerkenswert an den Veranstaltungen ist immer wieder der Hobbycharakter des Vereins, der jeden gesellschaftlichen Unterschied vergessen lässt. Man kann beobachten wie der Handlanger mit dem Direktor diskutiert und beide durch ihre gemeinsamen Interessen gefesselt sind." Abgesehen davon, dass die beiden Extreme der sozialen Schichten – wie oben festgestellt – selten im SEAK vorkamen, hat da vielleicht in der Übertreibung auch etwas Wunschdenken mitgespielt. Neben der sozialen Integrationsfunktion gab es aber klar auch regionale, nationale und sogar etwas internationale Integrationsfunktionen. Interessant auch die Ausführung zur psychischen Integrationsfunktion. Unter den Eisenbahn-Amateuren gibt es viele Mitglieder, die man als fanatisch bezeichnen kann oder muss. Leute, die sich über die SBB besser auskennen als die Bahnbeamten und Leute, die den Fahrplan von Skandinavien bis in die Türkei auswendig im Kopf haben. Der Präsident bezeichnet diese Leute als "Spinner", wobei er diesen Begriff nicht verächtlich, sondern liebevoll gebraucht. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Leute auch im Privatleben manchmal anstossen und sogar im SEAK sieht man sie etwas scheel an. Aber solange sie nicht allzu sehr stören, meinte der Präsident, sollte man diese Spinner auch mitnehmen.

Im nächsten Abschnitt wird das Verhältnis SEAK zu den Bahnen untersucht. Die Bahnen, die oft in roten Zahlen steckten (schon damals?), waren um die Popularisierung des Eisenbahngedankens froh. Die Eisenbahnamateure machten Gratispropaganda und fanden daher oft offene Türen bei den Verkehrsunternehmen. Anderseits konnte eine Vereinigung wie der SEAK die ausufernden Wünsche Einzelner gegenüber den Bahnen auch etwas kanalisieren und einen geordneten Besuch garantieren. Auch die Tatsache, dass die Mitglieder des SEAK ohne weiteres bereit waren, für eine besondere Leistung der Bahn etwas zu bezahlen, wird festgestellt und hervorgehoben.

Beim folgenden Kapitel geht es um Kommunikation, den EA und die Vereinslokalitäten. Der EA erschien damals in einer Auflage von 15'300 Exemplaren. In zwei SBB-Räumen an der Gessnerallee war die Bibliothek eingerichtet. Der Besuch war übrigens damals nicht überwältigend und die Diskussionen, was in die Bibliothek gehört, wurde schon damals heftig geführt. Eben hat man aus Kostengründen das Klublokal gewechselt und zog ins Bahnhofbuffet ein. Das wurde später auch zu teuer...

Der Vorstand ist das nächste Thema. Er bestand damals auch 10 Mitgliedern, von denen vier in Zürich, drei im Aargau, einer in Schaffhausen und einer in Basel wohnten. Das Durchschnittsalter betrug 65.5 Jahre, durchschnittlich war man seit 19 Jahren im Vorstand und seit 29 Jahren im Klub. Vorstandsmitglied wird man am besten, wenn man sich bei Spezialaufgaben wie Bibliotheksdienst auszeichnet... Der Andrang für ein arbeitsintensives Vorstandsamt war schon damals bescheiden, Kampfwahlen hat es nie gegeben! Der Mitgliederbeitrag betrug für Aktivmitglieder 27 Fr. Davon wurden 12 Fr. für das Abo des EA gebraucht.

Abschliessend schildert die Studentin die aus heutiger Zeit damals paradiesischen Zeiten. Der SEAK betrieb überhaupt keine Werbung und trotzdem werden ihm fast die Türen eingerannt. "Der SEAK kennt keine Nachwuchssorgen". Die Eisenbahn als Hobby bleibt so attraktiv, dass sogar zahlreiche Chauffeure, also Leute der "Konkurrenz" mitmachen. Das technische Verständnis für die Beschäftigung mit der Eisenbahn könnte aber auch der Grund für die weitgehende Frauenabstinenz sein. Immerhin sind die Partnerinnen bei Ausflügen etwas zahlreicher dabei. Zum Schluss bedankt sich Frau Wyrsch über die überwältigende Offenheit und Auskunftsbereitschaft der Mitlieder. Von abgeschlossener Vereinsmeierei war gar nichts zu spüren.